Die norddarfurische Stadt El-Fascher, das letzte Bollwerk der sudanesischen Armee in der Region Darfur, ist nach der Eroberung durch die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) am 26. Oktober Schauplatz einer Welle von Gewalt, die internationale Beobachter als Höhepunkt der humanitären Katastrophe Sudans bezeichnen. Hilfsorganisationen und medizinische Netzwerke melden Massentötungen mit Hunderten bis Tausenden Opfern. Das Sudan Doctors Network zählt mindestens 1.500 Tote, darunter viele Zivilisten, die bei Fluchtversuchen ums Leben kamen. Die sudanesische Armee und lokale Behörden sprechen von bis zu 2.500 Getöteten in den vergangenen 72 Stunden, einschließlich eines Vorfalls in einem Krankenhaus, bei dem rund 460 Patienten und Mitarbeiter erschossen wurden. Die RSF, die sich als Verteidiger der Zivilbevölkerung präsentiert, wird von Menschenrechtsgruppen und der UNO beschuldigt, gezielte ethnische Säuberungen an nicht-arabischen Gruppen wie den Fur, Zaghawa und Masalit durchzuführen – ein Muster, das an die Gräuel des Darfur-Konflikts von 2003 erinnert.
Die Lage in El-Fascher, das vor dem Krieg bis zu 1,2 Millionen Einwohner beherbergte, hat sich seit dem Einmarsch der RSF dramatisch verschlechtert. Ein Kommunikationsausfall und Störungen des Starlink-Internets erschweren unabhängige Berichte, doch Augenzeugenberichte, Social-Media-Videos und Satellitenaufnahmen zeichnen ein Bild extremer Grausamkeit. Die Yale Humanitarian Research Lab veröffentlichte am 28. Oktober hochaufgelöste Bilder, die rote Verfärbungen im Sand von Vierteln wie Daraja Oula aufzeigen – Spuren, die mit Blutlachen und Leichenbergen übereinstimmen. Die Aufnahmen vom 27. Oktober dokumentieren Objekte von 1,2 bis 2 Metern Länge, passend zur Körpergröße von Menschen, sowie frisch umgegrabene Erde an vermuteten Massengräbern. Solche Beweise aus dem Weltall unterstreichen die immense Skala der Vorfälle: Ein Massaker, das nicht nur am Boden, sondern auch aus dem Orbit erkenbar ist.
Ein besonders erschütternder Vorfall ereignete sich am Dienstag im Saudi-Maternity-Hospital, dem letzten betriebsfähigen Krankenhaus der Stadt. Die Weltgesundheitsorganisation und das Sudan Doctors Network bestätigten, dass dort etwa 460 Personen – darunter Patienten, Begleiter und Personal – hingerichtet wurden. Die Zahlen basieren auf Zeugenaussagen, Fotos und Videos. Sechs Gesundheitsarbeiter, darunter vier Ärzte, eine Krankenschwester und ein Apotheker, wurden entführt; Berichte über Lösegeldforderungen in Höhe von über 150.000 US-Dollar kursieren. Augenzeugen, die in Nachbarorte wie Tawila flohen, schildern Haus-zu-Haus-Durchsuchungen, bei denen RSF-Kämpfer Männer als Soldaten diffamierten und sofort hinrichteten. Auf Plattformen wie X zirkulieren Videos von bewaffneten Milizionären, die Flüchtende jagen, rassistische Beleidigungen rufen und Leichen auf den Straßen liegen lassen.
Die RSF-Führung um Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als Hemedti, versprach in einer Erklärung, Zivilisten zu schützen und Untersuchungen einzuleiten. Solche Beteuerungen bleiben jedoch folgenlos: Die Miliz, entstanden aus den Janjaweed-Milizen der 2000er-Jahre, wird von der UNO und den USA für Genozid verantwortlich gemacht. Bereits im Januar 2025 hatte Washington festgestellt, dass die RSF ethnisch motivierte Massaker begeht. Experten warnen vor einem Szenario, das an die Geneina-Vorfälle von 2023 erinnert, bei denen bis zu 15.000 Menschen, vorwiegend aus nicht-arabischen Gruppen, getötet wurden. Die UN-Flüchtlingshilfe meldet willkürliche Morde, Hinrichtungen und Blockaden von Fluchtwegen, während Hunderttausende in der Stadt eingekesselt sind – ohne Nahrung, Medizin oder Wasser. El-Fascher galt als Epizentrum des Leids, und die jüngste Eskalation verstößt gegen das Völkerrecht.
Hintergrund: Der Sudan-Konflikt und die Wurzeln der Gewalt
Der Schrecken in El-Fascher ist der Höhepunkt eines Bürgerkriegs, der Sudan seit April 2023 in Anarchie stürzt. Der Auslöser war ein Machtkampf zwischen der sudanesischen Armee (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan und der RSF, beide entstanden aus dem Putsch von 2021. Die SAF kontrolliert den Norden und Osten, einschließlich der Hauptstadt Khartum, die sie im März 2025 zurückeroberte. Die RSF beherrscht den Westen und Südwesten, nun fast ganz Darfur. Der Krieg hat über 150.000 Tote gefordert, 13 Millionen Menschen vertrieben und die Hälfte der 51 Millionen Bevölkerung von Hungerhilfe abhängig gemacht. Sudan gilt als größte humanitäre Krise der Welt: Hungersnot hat in Teilen des Landes eingesetzt, und 12 Millionen Menschen sind obdachlos.
Die Belagerung von El-Fascher begann im Mai 2024, als die RSF die Stadt umzingelten und eine 56 Kilometer lange Barriere errichteten, um Hilfslieferungen zu stoppen. Bewohner ernährten sich monatelang von Tierfutter; Bombardements und Drohnenangriffe töteten Hunderte. Die SAF, unterstützt von lokalen Milizen wie der Sudan Liberation Movement, hielt die Stadt bis zum 26. Oktober, als ihre 6. Infanteriedivision fiel. Die Armee zog sich zurück, um Zerstörung zu vermeiden, doch der Rückzug ermöglichte RSF-Racheakte. In den Wochen davor starben über 1.350 Zivilisten in Norddarfur durch Artillerie und Unterernährung.
Darfur, eine Region von der Größe Spaniens, ist historisch belastet. Der Konflikt von 2003, bei dem Janjaweed – Vorläufer der RSF – unter Omar al-Bashir gegen Aufständische vorgingen, führte zu 300.000 Toten und Millionen Vertriebenen. Der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehle gegen Bashir und Hemedti wegen Genozids. Heute wiederholen sich die Muster: Die RSF, größtenteils arabischstämmig, zielt auf nicht-arabische Ethnien ab, um Land und Ressourcen zu sichern. Goldminen und Handelsrouten in Darfur finanzieren den Krieg durch Schmuggel und Söldner.
Internationale Akteure verschärfen das Chaos. Die RSF erhält Waffen und Logistik aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die als Hauptunterstützer gelten, sowie aus Libyen und Tschad. US-Geheimdienste bestätigten kürzlich gesteigerte Lieferungen aus den VAE. Die SAF wird von Ägypten, der Türkei und Russland unterstützt. Die Afrikanische Union und die UNO drängen auf einen Waffenstillstand, doch Verhandlungen in Dschidda scheitern. Arabische Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und Katar verurteilten die RSF-Vorfälle und forderten eine humanitäre Pause. Die EU, Frankreich und Deutschland plädieren für Sanktionen; US-Senatoren schlagen vor, die RSF als Terrororganisation zu klassifizieren.
Auswirkungen und Aufrufe zur Weltgemeinschaft
Die Konsequenzen des Massakers reichen über El-Fascher hinaus. Tausende Flüchtlinge strömen in Camps wie Tawila, wo Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen überfordert sind. Kinder stellen die Hälfte der Opfer dar; Krankheiten grassieren. Experten mahnen vor einer Spaltung Sudans, ähnlich der Unabhängigkeit Südsudans 2011. Die UN-Menschenrechtskommission und Human Rights Watch fordern Sofortuntersuchungen und Zugang für Beobachter. Ohne Intervention – durch Sanktionen gegen Unterstützer oder eine Friedenstruppe – droht weitere Eskalation. Sudan, reich an Ressourcen, aber arm an Stabilität, erfordert mehr als Worte: Es braucht Taten, um das Blut im Sand nicht trocknen zu lassen.
Quellen:
- Yale Humanitarian Research Lab (Satellitenbilder und Analyse)
- Sudan Doctors Network (Opferzahlen)
- Weltgesundheitsorganisation (WHO)
- UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR)
- UN-Menschenrechtskommission (OHCHR)
- Human Rights Watch
- Conflict Insights Group
- US-Außenministerium (Genozid-Feststellung)
- Congressional Research Service
- Afrikanische Union
- Medienberichte (CNN, Al Jazeera, Reuters, AP)
- Augenzeugenberichte und Social-Media-Analysen