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F-35-Kauf der Bundeswehr: Hohe Abhängigkeit von den USA als Sicherheitsrisiko

Der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin hat eine endgültige Vereinbarung über die Produktion und Lieferung von bis zu 296 F-35-Kampfflugzeugen in den Losen 18 und 19 abgeschlossen, darunter die ersten Maschinen für Deutschland. Die Bundeswehr plant den Einsatz von 35 F-35A der modernsten Block-4-Version vor allem im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO. Die Auslieferungen sollen 2026 beginnen, und Lockheed Martin betont, dass die Preise pro Jet unter der Inflationsrate gestiegen sind. Dennoch wächst die Kritik an dieser Entscheidung: Experten und Politiker sehen in der starken technischen und logistischen Abhängigkeit von den USA ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Obwohl ein klassischer “Kill Switch” widerlegt ist, könnten die Vereinigten Staaten die Flugzeuge durch Unterbrechung von Software-Updates, Wartung und Ersatzteilen jederzeit kampfunfähig machen – ein Szenario, das in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten wie der Rückkehr von Präsident Trump an die Macht akut wird.

Der Vertrag und seine Bedeutung für die Bundeswehr

Die Vereinbarung umfasst Flugzeuge für US-Streitkräfte sowie internationale Partner im Foreign Military Sales (FMS)-Programm, einschließlich Deutschland, Kanada, Singapur und der Schweiz. Für die Bundeswehr markiert dies den Einstieg in die fünfte Generation von Kampfflugzeugen: Die 35 F-35A sollen die alternde Tornado-Flotte ersetzen und die Fähigkeit zur Tragung von US-Atomwaffen sichern. Lockheed Martin hebt hervor, dass die F-35 weltweit über 1,2 Millionen Flugstunden absolviert haben und von 12 Nationen genutzt werden, was die Plattform als “günstigstes und leistungsfähigstes Kampfflugzeug” positioniert. Die Gesamtkosten für Deutschland belaufen sich auf rund 10 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen der Bundeswehr, inklusive Ersatzteile und Munition.

Trotz dieser Vorteile – wie Tarnkappenfähigkeiten und Netzwerkintegration – hat der Kauf von Beginn an Kritik geerntet. Verteidigungsminister Boris Pistorius verteidigt die Entscheidung und betont die Notwendigkeit, eine Lücke in der Luftverteidigung bis Ende des Jahrzehnts zu schließen. Dennoch fordern Oppositionspolitiker und Rüstungsexperten eine Überprüfung der Verträge, da die Abhängigkeit von US-Technologie die Souveränität der Bundeswehr gefährden könnte.

Die Mythos des “Kill Switches” und die reale Abhängigkeit

Gerüchte um einen “Kill Switch” – eine Fernabschaltfunktion, die die USA einseitig aktivieren könnten – haben die Debatte angeheizt. Das US-Verteidigungsministerium und Lockheed Martin dementieren dies vehement: Es gebe keine Möglichkeit, F-35 ferngesteuert zu deaktivieren oder zu kontrollieren. Auch europäische Partner wie die Schweiz und Belgien bestätigen, dass ihre F-35-Flotten autonom operieren und Upgrades unabhängig durchgeführt werden können. Der schweizerische Verteidigungsministerium stellte klar, dass keine externe Intervention in die Elektronik möglich sei und die Jets jederzeit für nationale Verteidigung eingesetzt werden könnten.

Dennoch ist die Abhängigkeit real und weitaus effektiver als ein simpler Schalter. Die F-35 basiert auf einem softwaredefinierten System mit über acht Millionen Codezeilen, das auf kontinuierliche Updates angewiesen ist. Das Autonomic Logistics Information System (ALIS), das durch das Operational Data Integrated Network (ODIN) ersetzt wird, überwacht Wartung, Teilebestände und Missionsdaten zentral – größtenteils unter US-Kontrolle. Internationale Betreiber dürfen keine unabhängigen Tests außerhalb der USA durchführen, und sensible Komponenten wie “Black Boxes” müssen in US-Firmen repariert werden. Ohne monatliche Updates aus den USA würde die Einsatzbereitschaft der Flotte rapide sinken: Sensoren, Avionik und Waffenintegration könnten ausfallen, was die Jets nach wenigen Wochen kampfunfähig macht.

Experten wie Carlo Masala von der Hochschule der Bundeswehr warnen, dass dies ein “de-facto Kill Switch” darstellt. Ähnlich argumentiert der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter: Die F-35 sei ein “von den USA kontrolliertes System”, inklusive Missionsplanung und Wartung. In einem Szenario wie der aktuellen Spannung um die Ukraine-Hilfe könnte die Trump-Administration den Zugriff auf Software und Logistik einfach einstellen, wie es bei iranischen F-14-Jets nach der Revolution geschah. Die US-F-35-Programm Support Cell, die für Partnernationen verantwortlich ist, wird vollständig von den USA finanziert und beaufsichtigt, was eine schnelle Deaktivierung der globalen Lieferkette ermöglicht.

Politische und wirtschaftliche Kritik in Deutschland

Die Debatte hat in Deutschland Fahrt aufgenommen, insbesondere nach Trumps Wahl. Airbus-Rüstungschef Michael Schöllhorn kritisierte den Kauf als “Zementierung der Abhängigkeit” und plädierte für europäische Alternativen wie den Eurofighter oder den FCAS (Future Combat Air System). Grünen-Politiker Anton Hofreiter sieht eine “zu große USA-Abhängigkeit” in der äußeren Sicherheit. Eine vertrauliche Expertenrunde im Verteidigungsministerium prüft derzeit die Zuverlässigkeit US-Systeme, einschließlich bestehender F-35-Verträge.

Wirtschaftlich birgt der Deal Risiken: Steigende Kosten durch Inflation, Wechselkurse und Verzögerungen beim Umbau des Fliegerhorsts Büchel könnten den Etat belasten. Zudem fließen sensible Einsatzdaten an US-Server, was die Transparenz der Bundeswehr mindert. Rheinmetall plant zwar die Produktion von Rumpfmittelteilen in Deutschland, was eine gegenseitige Abhängigkeit schafft, doch dies mildert die Kernprobleme nicht.

Ausblick: Europäische Alternativen und Souveränitätsfragen

Die Kritik unterstreicht einen breiteren Trend: Europa sucht nach Unabhängigkeit von US-Rüstung. Alternativen wie der schwedische Gripen oder der französische Rafale werden diskutiert, die weniger abhängig von US-Updates sind. Dennoch bleibt die F-35 für die nukleare Teilhabe unverzichtbar, da nur sie US-Atomwaffen tragen kann. Die Bundesregierung plant keine Kündigung, doch die Debatte könnte zu strengeren Vertragsregelungen führen.

Dieser Kauf markiert einen Wendepunkt in der deutschen Verteidigungspolitik: Die “Zeitenwende” erfordert nicht nur mehr Ausgaben, sondern auch strategische Autonomie. In einer Welt zunehmender Unsicherheit – von Trumps “America First” bis zu russischen Bedrohungen – könnte die F-35-Abhängigkeit zur Achillesferse der Bundeswehr werden.

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