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Friedensplan für die Ukraine: Der Preis der Verzögerung

Ein sachliches Editorial zum 28-Punkte-Friedensplan 2025 und den russischen Forderungen von 2022

Drei Jahre, neun Monate und Hunderttausende Tote nach dem 24. Februar 2022 liegt ein 28-Punkte-Friedensplan auf dem Tisch, der von der neuen Trump-Administration vorangetrieben wird und von Moskau als „vernünftige Grundlage“ gelobt wird. Der Entwurf sieht eine sofortige Waffenruhe, die dauerhafte Neutralität der Ukraine, die Begrenzung ihrer Streitkräfte, die Anerkennung der Krim und großer Teile des Donbass als russisch sowie weitreichende Sicherheitsgarantien für Russland vor. Präsident Selenskyj nennt ihn „Kapitulation in Raten“. Präsident Putin nennt ihn „realistisch“.

Die bittere Ironie: Fast jeder zentrale Punkt dieses Plans stand bereits im Dezember 2021 in den beiden russischen „Sicherheitsgarantie“-Entwürfen, die Moskau den USA und der NATO vorlegte – zwei Monate vor der Invasion. Hätte der Westen damals ernsthaft verhandelt statt das Ultimatum als unannehmbar abzulehnen, wären die meisten der heute geforderten Kompromisse vermutlich zu ähnlichen Konditionen erreichbar gewesen. Der Krieg hätte vermieden werden können. Stattdessen starben Menschen, Städte brannten nieder und Europa erlebte die größte humanitäre Katastrophe seit 1945 – für ein Ergebnis, das im Kern dem Stand von Ende 2021 entspricht, nur mit weit höherem Preis.

Friedensplan für die Ukraine Der Preis der Verzögerung Credits Max Kukurudziak Unsplash

Die russischen Forderungen vom Dezember 2021 – das eigentliche Kriegsmanifest

Am 17. Dezember 2021 veröffentlichte das russische Außenministerium zwei Vertragsentwürfe: einen bilateralen Vertrag mit den USA und einen mit der NATO. Sie waren keine Verhandlungsbasis, sondern ein Diktat. Die wichtigsten Punkte:

  • Verbindliche Garantie, dass die NATO nie weiter nach Osten expandiert, insbesondere die Ukraine niemals aufnimmt.
  • Rückzug aller NATO-Truppen und Waffensysteme aus Staaten, die nach 1997 beigetreten sind (also Polen, Baltikum, Rumänien usw.).
  • Verbot jeder militärischen Aktivität der NATO in der Ukraine, in Osteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien.
  • Verbot von Mittelstreckenraketen in Europa.
  • De-facto-Anerkennung der Krim als russisch und Sonderstatus für die Separatistengebiete Donezk und Luhansk.
  • Begrenzung der ukrainischen Streitkräfte und ihrer Bewaffnung (konkrete Zahlen wurden später in Verhandlungen genannt: maximal 85.000 Mann, keine westlichen Waffensysteme).
  • Wiederaufnahme Russlands in die internationale Gemeinschaft und Aufhebung der Sanktionen von 2014.

Der Westen wies diese Forderungen als „Rückkehr ins 19. Jahrhundert“ zurück. Die Biden-Administration bot lediglich Transparenz bei Manövern und eine mögliche Begrenzung offensiver Waffensysteme an – zu wenig für Moskau, zu viel für die Hardliner in Kiew und Warschau. Die Diplomatie starb noch vor Weihnachten 2021.

Der 28-Punkte-Plan von November 2025 – fast identisch, nur teurer erkauft

Der aktuelle Entwurf, der in den letzten Wochen zwischen amerikanischen und russischen Emissären entstanden ist, enthält folgende Kernpunkte (vereinfacht und gruppiert):

  1. Dauerhafte Neutralität der Ukraine, verfassungsrechtlich verankert; NATO-Mitgliedschaft ausgeschlossen – für immer.
  2. Keine ausländischen Truppen oder Basen auf ukrainischem Boden.
  3. Begrenzung der ukrainischen Streitkräfte (im Entwurf auf 600.000 Mann – großzügiger als die ursprünglichen 85.000, aber immer noch eine massive Reduktion gegenüber heute).
  4. De-facto-Anerkennung der Krim als russisch; Donezk und Luhansk in den Grenzen von Februar 2022 russisch; Cherson und Saporischschja „eingefroren“ mit Sonderstatus oder Demilitarisierter Zone.
  5. Sicherheitsgarantien für die Ukraine – aber nicht durch die NATO, sondern durch bilaterale Verträge (u.a. mit den USA), die an Bedingungen geknüpft sind.
  6. Wiederaufbau der Ukraine größtenteils aus eingefrorenen russischen Vermögen; gleichzeitig schrittweise Aufhebung westlicher Sanktionen.
  7. Verbot „nazistischer Ideologie“ in der Ukraine und Schutz russischsprachiger Minderheiten.
  8. Wiederinbetriebnahme des AKW Saporischschja unter gemeinsamer Kontrolle.
  9. Sofortige Waffenruhe und Überwachung durch einen von Trump geleiteten „Peace Board“.

Wer die beiden Dokumente – das russische Ultimatum von 2021 und den Friedensplan von 2025 – nebeneinander legt, erkennt: Die Substanz ist nahezu identisch. Die Unterschiede betreffen vor allem das Drumherum (Wiederaufbau, Energie, Minderheitenrechte), das sich aus drei Jahren Krieg zwangsläufig ergibt. Die großen Prinzipien – Neutralität, Demilitarisierung, territoriale Zugeständnisse, Ende der NATO-Expansion – standen bereits 2021 auf dem Papier.

Warum der Krieg sinnlos war – eine nüchterne Bilanz

Der Krieg hat keine der russischen Maximalforderungen vom Tisch gefegt. Er hat sie im Gegenteil zementiert und teilweise sogar verschärft:

  • Die Ukraine ist heute weiter von der NATO entfernt denn je – 2021 war ein Beitritt theoretisch möglich, heute ist er vertraglich ausgeschlossen.
  • Russland kontrolliert mehr Territorium als im Februar 2022 (Cherson und Saporischschja waren damals noch nicht besetzt).
  • Die ukrainische Armee ist zwar größer und kampferprobter, wird aber im Friedensplan wieder auf ein Bruchteil reduziert.
  • Der Westen lieferte Waffen im Wert von über 200 Milliarden Dollar – und akzeptiert am Ende doch die russischen roten Linien.

Die menschlichen Kosten sind erschütternd. Schätzungen (Stand November 2025):

  • 100.000–120.000 gefallene ukrainische Soldaten
  • 250.000–350.000 tote oder schwer verwundete russische Soldaten (inklusive Söldner)
  • Mindestens 30.000 zivile Tote in der Ukraine, Tausende in den besetzten Gebieten und in Russland selbst
  • Über 14 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge
  • Zerstörung im Wert von mehr als 500 Milliarden Dollar in der Ukraine allein

Jeder dieser Toten starb für ein Ergebnis, das 2021 oder in den ersten Wochen des Krieges (Istanbul-Gespräche im März/April 2022) mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne einen Schuss hätte erreicht werden können.

Warum erst jetzt?

Drei Faktoren verhinderten eine frühe Einigung:

  1. Ideologische Verhärtung im Westen: „Wir verhandeln nicht mit Putin“ wurde zum Mantra. Jede Kompromissbereitschaft wurde als „München 1938“ diffamiert.
  2. Nationale Mobilmachung in der Ukraine: Selenskyj konnte 2022 keinen territorialen Verlust politisch überleben – auch wenn er ihn heute möglicherweise akzeptieren muss.
  3. Russischer Größenwahn: Putin glaubte, Kiew in drei Tagen einnehmen zu können und dann bessere Bedingungen zu diktieren. Der Plan scheiterte, aber die ursprünglichen Forderungen blieben.

Erst die Erschöpfung beider Seiten und der Machtwechsel in Washington schufen die Voraussetzung für Realismus. Trump sieht den Krieg als teure Ablenkung vom Konflikt mit China; Putin braucht Sanktionserleichterungen; Selenskyj hat keine Munition mehr und keine Garantie weiterer westlicher Hilfe.

Fazit: Die Lektion in Blut geschrieben

Der 28-Punkte-Plan ist kein Sieg irgendeiner Seite. Er ist ein Waffenstillstand der Erschöpften. Er bestätigt, dass Diplomatie 2021 möglich gewesen wäre – und dass der Krieg nichts gelöst, sondern nur zerstört hat. Er zeigt, dass Großmächte bereit sind, fremde Völker für geopolitische Prinzipien zu opfern, solange die eigenen Söhne nicht in den Schützengräben sterben.

Die Toten von Bachmut, Mariupol, Charkiw und Belgorod werden diesen Frieden nicht mehr erleben. Sie starben für ein Ergebnis, das bereits vor dem ersten Schuss auf dem Tisch lag. Das ist die eigentliche Tragödie dieses Krieges: Er war nicht unvermeidlich. Er war eine politische Entscheidung – und eine falsche.


Verwendete Quellen (Auswahl)

  • Russischer Entwurf für Sicherheitsgarantien, 17. Dezember 2021 (veröffentlicht vom russischen Außenministerium)
  • US-Antwortschreiben vom 26. Januar 2022 (veröffentlicht von El País)
  • Leaked 28-Point Peace Proposal, November 2025 (Berichte von Reuters, Financial Times, Meduza)
  • Verlustschätzungen: Mediazona/BBC, Oryx, UN Human Rights Monitoring Mission, Weltbank-Bericht Oktober 2025
  • Istanbul-Gespräche März/April 2022: Berichte von Fatih Çakmakl? (türkischer Vermittler) und Naftali Bennett
  • Diverse Analysen von ISW, ECFR, Quincy Institute, Carnegie Endowment 2021–2025
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