Der US-Journalist Seymour Hersh warnt in einem neuen Beitrag auf seiner Substack-Plattform vor einer vorzeitigen Friedenserklärung im Gaza-Konflikt. Unter dem Titel „The Gaza War is Not Over“ („Der Gaza-Krieg ist nicht vorbei“) argumentiert der Pulitzer-Preisträger, dass der kürzlich vereinbarte Waffenstillstand fragil sei und weitere Eskalationen drohten. Hersh stützt sich auf Aussagen anonymer israelischer Quellen und betont die anhaltenden Spannungen trotz der Rückführung der meisten Geiseln.
Trumps Rolle und der Waffenstillstand
Hersh lobt US-Präsident Donald Trump für seinen Druck auf die israelische Führung, darunter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der zu einem Abkommen mit der Hamas führte. Dieses sah die Freilassung aller verbleibenden lebenden Geiseln sowie der Leichen von 25 der 28 getöteten Israelis vor. Die Übergabe erfolgte in zwei Phasen; die zweite Phase hängt von der Rückführung der verbliebenen drei Geisel-Leichen sowie der Körper zweier 2014 getöteter IDF-Soldaten ab. Eine informierte israelische Quelle teilte Hersh mit, dass der israelische Geheimdienst überzeugt sei, die Hamas kenne die genauen Lagerorte.
Trump habe den Erfolg als seinen persönlichen Triumph dargestellt und wiederholt erklärt: „I will decide what I think is right“ für Israel, so Hersh unter Berufung auf Berichte der New York Times. Der Präsident habe „Sieg-Runden“ gedreht und betont, er habe die Israelis „ein bisschen aus dem Ruder laufen lassen“ bei ihren Bombardements in Gaza.
Neues US-Kommandozentrum als Kontrollinstanz
Ein zentrales Element des Abkommens ist die Einrichtung eines multinationalen Zentrums für zivil-militärische Koordination (Civil-Military Coordination Center) in Israel. Dieses wird von einem US-amerikanischen Drei-Sterne-General der Armee geleitet. Offiziell soll es Verstöße gegen den Waffenstillstand überwachen und Entscheidungen über militärische Reaktionen auf Hamas-Verletzungen treffen. Eine gut informierte israelische Quelle enthüllte Hersh, dass der General „das Recht hat, Bibi [Netanjahu] zu überstimmen“, falls eine geplante israelische Militäroperation für nicht gerechtfertigt befunden wird.
Jared Kushner, Schwiegersohn Trumps und als Außenpolitik-Experte reetabliert, äußerte sich in einer Sendung von „60 Minutes“ ähnlich: Der Präsident habe die israelischen Aktionen als „nicht im langfristigen Interesse“ Israels eingestuft und sei „sehr stark“ eingetreten, um weitere Bombenangriffe zu stoppen.
Kritik an mangelnder Transparenz
Hersh zweifelt jedoch an der tatsächlichen Befugnis des US-Zentrums. „Wenig ist bekannt über den Umfang der Autorität“, schreibt er. Einige israelische Kreise sehen darin eine „beispiellose Einschränkung“ für Netanjahu, der angeblich Angriffe mit dem Zentrum abstimmen müsse. Andere bezweifeln die Wirksamkeit der Maßnahme angesichts anhaltender Hamas-Aktivitäten.
Der Beitrag illustriert den Kontext mit einem Foto von Hamas-Kämpfern, die eine Leiche aus einem Tunnel nördlich von Chan Junis bergen. Die israelische Armee wirft der Hamas vor, die Suche nach Geisel-Leichen zu inszenieren. Die Hamas betont ihre Verpflichtung zum Abkommen, beklagt jedoch fehlende Ausrüstung zur Bergung unter Trümmern durch israelische Luftangriffe.
Aktuelle Entwicklungen
Der Waffenstillstand, der am 9. Oktober 2025 in Kraft trat, wird derzeit auf die Probe gestellt. Nach dem Tod eines israelischen Soldaten am Dienstag führte Israel zu einem Vergeltungsschlag mit über 100 getöteten Palästinensern, wie die Gaza-Gesundheitsbehörden melden. Israel betont seine Verpflichtung zum Abkommen, doch Hersh warnt: „Frieden wurde wieder voreilig erklärt.“
Hershs Analyse, die auf seiner jahrzehntelangen Expertise in Nahost-Themen basiert, unterstreicht die Zerbrechlichkeit des Deals und die Rolle der USA als Schiedsrichter. Der vollständige Beitrag ist auf Substack frei lesbar.