Der Krieg ist ein langwieriger Abnutzungskrieg. Beide Seiten haben ihre Volkswirtschaften und Industrien weitgehend auf Kriegsproduktion umgestellt. Die meisten unabhängigen Analysen (IISS, CSIS u. a.) kommen zu dem Schluss, dass weder Russland noch die Ukraine 2026 unmittelbar vor einem Ressourcenkollaps stehen. Gleichzeitig nehmen die Belastungen auf beiden Seiten zu. Schätzungen zu Verlusten, Produktion und Reserven schwanken je nach Quelle erheblich; offizielle Angaben beider Seiten sind unvollständig oder propagandistisch beeinflusst.
Personal und Mobilisierung
Russland verfügt über eine deutlich größere Bevölkerungsbasis (ca. 144 Mio.). Das CSIS schätzte im Juli 2026 die russischen Gesamtverluste (Tote, Verwundete, Vermisste) auf rund 1,4 Millionen seit Februar 2022, darunter 400.000–450.000 Gefallene. Die monatlichen Verluste lagen 2026 bei 30.000–34.000, während die Rekrutierung bei etwa 27.000 Personen pro Monat lag. Damit übersteigen die Verluste erstmals nachhaltig den Nachschub. Die Truppenstärke im Einsatzgebiet liegt nach russischen Angaben bei rund 700.000 Mann und stagniert seit Mitte 2024 weitgehend. Die Qualität der Rekruten sinkt; Prämien müssen erhöht werden. Der Personalpool ist tief, aber nicht unbegrenzt und mit wachsenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten verbunden.
Die Ukraine hat eine deutlich kleinere Bevölkerungsbasis auf kontrolliertem Gebiet (Schätzungen 29–36 Mio.). Das CSIS bezifferte ukrainische Gesamtverluste auf 525.000–625.000, darunter 125.000–150.000 Tote. Die aktiven Streitkräfte werden auf 800.000–900.000 geschätzt. Das Mobilisierungspotenzial ist begrenzt; Berichte sprechen von einem hohen Durchschnittsalter der Soldaten und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Die Ukraine kompensiert Personalengpässe durch Drohnen, westliche Ausrüstung und Taktik. Desertionen und gesellschaftliche Widerstände gegen die Mobilisierung sind dokumentiert.
Das Verlustverhältnis hat sich nach CSIS-Daten in der ersten Hälfte 2026 zugunsten der Ukraine verschlechtert (bis zu ca. 8:1), vor allem durch den massiven Einsatz von Drohnen.
Ausrüstung, Munition und industrielle Produktion
Russland hat Tausende Panzer und Artilleriesysteme verloren (Oryx-bestätigt über 4.000 Panzer; Gesamtschätzungen höher). Neue Produktion moderner Typen (T-90M) bleibt begrenzt. Der Großteil der Ersatzfahrzeuge stammt aus der Aufarbeitung sowjetischer Lagerbestände, die nach Open-Source-Analysen weitgehend erschöpft sind. Die Artilleriemunitionsproduktion liegt nach estnischen Nachrichtendiensten 2025 bei rund 7 Millionen Schuss (inkl. Mörser und Raketen); andere Schätzungen liegen niedriger. Nordkorea liefert nach ukrainischen Geheimdienstangaben 25–40 % der benötigten Artilleriemunition sowie Raketen. Die Raketenproduktion (Iskander, Kh-101, Kalibr) ist gestiegen und liegt bei über 200 Flugkörpern pro Monat.
Die Ukraine hat die Drohnenproduktion massiv hochgefahren (FPV-Drohnen im Millionenbereich jährlich, Kapazitätsangaben bis 8 Millionen und mehr). Drohnen verursachen nach ukrainischen Angaben den Großteil der Treffer auf russische Ziele. Die inländische Artilleriemunitionsproduktion (vor allem 155 mm) ist gestiegen; rund 80 % der bestellten Granaten sollen inzwischen aus ukrainischer Fertigung stammen. Der Bedarf an westlichen Langstreckengranaten bleibt hoch (Ukraine hat 1,2 Millionen für 2026 angefragt). Ein kritischer Engpass besteht bei Luftabwehr-Abfangraketen (Patriot u. a.), deren westliche Produktion hinter dem russischen Abschussvolumen zurückbleibt.
Wirtschaft, Haushalt und Reserven
Russland gibt 2026 schätzungsweise 8–12 % des BIP bzw. über 40 % des Bundeshaushalts für Verteidigung und Sicherheit aus. Das Haushaltsdefizit lag nach sieben Monaten 2026 bereits bei 6,45 Billionen Rubel (ca. 2,8 % des BIP) und übertraf das Jahresziel. Öl- und Gaseinnahmen sind im Vorjahresvergleich deutlich gesunken (teilweise um 17–32 %), trotz temporärer Preisspitzen. Der liquide Teil des Nationalen Wohlstandsfonds lag Anfang August 2026 bei etwa 1,6 % des BIP. Russland verkauft Goldreserven. Die zivile Wirtschaft leidet unter Arbeitskräftemangel, hohen Zinsen und Inflation. Die Kriegswirtschaft hält stand, erzeugt aber steigende Opportunitätskosten und sinkende Effizienz.
Die Ukraine erwartet 2026 ein BIP-Wachstum von 1–1,8 %. Der Staatshaushalt ist stark defizitär (rund 18–21 % des BIP) und hängt fast vollständig von westlicher Finanzierung ab. Die EU hat ein 90-Milliarden-Euro-Darlehen für 2026–2027 beschlossen. Im August 2026 bestand dennoch eine Finanzierungslücke von rund 23 Milliarden Euro im Verteidigungsbereich. Die ukrainische Rüstungsindustrie ist stark gewachsen (Kapazität Angaben von 35 auf 55 Milliarden Dollar). Die internationale Reserve lag im Juni 2026 bei über 51 Milliarden Dollar.
Energie und Infrastruktur
Russland hat wiederholt ukrainische Stromerzeugung und Raffinerien angegriffen. Ein erheblicher Teil der ukrainischen Erzeugungskapazität wurde beschädigt; Wiederaufbau und neue Zerstörung laufen parallel. Der Winter 2026/27 bleibt ein Risiko. Ukrainische Langstreckenschläge treffen russische Raffinerien und verursachen regionale Treibstoffengpässe.
Externe Unterstützung
Russland erhält Munition, Raketen und früher auch Truppen aus Nordkorea sowie Drohnen und Komponenten aus Iran und China. Die Ukraine erhält den Großteil der finanziellen und militärischen Unterstützung inzwischen aus Europa (nach Rückgang US-amerikanischer Lieferungen). Die Abhängigkeit von westlichen Interceptors und bestimmten Munitionsarten bleibt hoch.
Fazit zur zeitlichen Ausdauer
Nach den vorliegenden Daten können beide Seiten den Krieg auf dem aktuellen Intensitätsniveau mindestens durch 2026 und voraussichtlich ins Jahr 2027 fortsetzen, sofern der politische Wille (Putin bzw. westliche Geberländer, vor allem die EU) anhält. Russland verfügt über quantitative Vorteile bei Personal und Munition sowie über einen größeren wirtschaftlichen Grundstock, muss aber steigende Verluste, schwindende Altbestände und wachsende Haushaltsprobleme verkraften. Die Ukraine hat sich bei Drohnen und taktischer Anpassung besser angepasst, bleibt aber existenziell auf kontinuierliche westliche Finanz- und Waffenhilfe angewiesen.
Der begrenzende Faktor ist nicht die sofortige Erschöpfung der materiellen Ressourcen, sondern die politische und gesellschaftliche Bereitschaft, die Verluste und wirtschaftlichen Kosten weiter zu tragen, sowie die Kontinuität der Allianzen. Prognosen über einen genauen Endzeitpunkt sind auf Basis der verfügbaren Fakten nicht seriös möglich.
