Berlin. Der Militärische Abschirmdienst (MAD) stuft die Bedrohung der Bundeswehr durch fremde Nachrichtendienste als so hoch ein wie nie. Russland und China gelten als Hauptakteure. Künstliche Intelligenz ist nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden kein eigenständiger Spionagedienst, sondern ein Beschleuniger: Sie macht Phishing glaubwürdiger, Datenmassen auswertbar und digitalisierte Waffensysteme angreifbarer. Belegt ist das durch MAD- und Verfassungsschutzberichte, gemeinsame Warnungen von BfV und BSI sowie interne Sicherheitsanweisungen des Verteidigungsministeriums.
Spionage „so präsent wie nie“
Im Jahresbericht für 2024, veröffentlicht am 9. Dezember 2025, schreibt der MAD, die Bedrohung durch Spionage und Sabotage für Deutschland und die Bundeswehr sei „so präsent wie nie“. Ausländische Dienste nutzten „alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel“, um Informationen zu gewinnen, Einfluss zu nehmen und Sabotage vorzubereiten. Die Bundeswehr zähle zu den am stärksten gefährdeten Institutionen.
Präsidentin Martina Rosenberg verzeichnete einen „Höchststand an verdächtigen Vorfällen seit Jahren“. Spionage sei wieder als Vorbereitung möglicher militärischer Auseinandersetzungen zu verstehen. Zielobjekte sind laut MAD vor allem Truppenstärke, Waffensysteme, Kommandostrukturen und Stationierungen – verschärft durch Waffenhilfe für die Ukraine und die Brigade in Litauen.
Hauptakteure sind Russland und China. Russische Dienste stünden unter „hohem Erfolgsdruck“ und suchten taktisch verwertbare Daten zu Reichweiten, Wirkweisen und Standorten. Der MAD nennt zudem die Identifizierung russischer Spezialkräfte „auch für letale Operationen“ als erweitertes Aufgabenfeld. Auch vor Tötungsmaßnahmen oder Entführungen scheuten manche Dienste nicht zurück.
Der Iran bleibt nach MAD-Angaben vom Februar 2026 einer der Hauptakteure gegen die Bundeswehr. Ein Sprecher sprach neben der „realweltlichen Bedrohung“ von einer „erheblichen Gefahr durch Cyberspionage“. Auslöser der verschärften Lage war unter anderem, dass Teheran EU-Streitkräfte als „Terrorgruppe“ einstufte, nachdem die EU die Revolutionsgarden auf die Terrorliste gesetzt hatte.
Was „KI-Spionage“ konkret bedeutet
Behörden verwenden den Begriff selten als feste Kategorie. Gemeint ist die Verbindung klassischer Nachrichtendienstarbeit mit maschineller Auswertung, automatisiertem Social Engineering und softwarebasierten Waffensystemen.
Erstens: Social Engineering mit Bot-Tarnung. Am 6. Februar 2026 warnten BfV und BSI vor Phishing über Messenger, vor allem Signal. Zielgruppe: hochrangige Personen aus Politik, Militär und Diplomatie sowie investigative Journalisten in Deutschland und Europa. Die Angreifer setzen nach den Behörden keine Malware und keine technischen Lücken der Apps ein. Sie nutzen legitime Sicherheitsfunktionen und geben sich als „Signal Support“ oder „Signal Security ChatBot“ aus. Ziel ist der Zugriff auf Einzel- und Gruppenchats sowie Kontaktlisten. Partnerdienste ordnen die Kampagne Russland zu. Im April 2026 erklärten BfV und BSI, sie laufe weiter und gewinne an Dynamik.
Zweitens: Massenauswertung offener und erbeuteter Daten. Drohnenflüge, Satellitenbilder, Funksignale, Personaldaten und kommerzielle Datensätze lassen sich mit maschinellem Lernen schneller zu Lagebildern verdichten als durch menschliche Auswertung allein. Der Inspekteur Cyber- und Informationsraum, Vizeadmiral Thomas Daum, beschrieb 2026 das digitale Gefechtsfeld als „Kill Web“: KI-basierte Verknüpfungen von Datensätzen ohne Zeitverzug. Dieselbe Logik gilt für den Angreifer.
Drittens: Software als Einfallstor. Moderne Jets, Drohnen, Fregatten und Flugabwehrsysteme der Bundeswehr hängen an komplexer, teils KI-verstärkter Software. SWP-Expertin Alexandra Paulus nannte das Dilemma 2025: Alles werde schneller und agiler – und anfälliger. Russische Angriffe auf Satellitenkommunikation zu Beginn des Ukraine-Kriegs gelten als Lehrstück.
Viertens: Technologietransfer. Der Verfassungsschutzbericht 2025 nennt China eines der wichtigsten Ziele deutscher Nachrichtendienstabwehr. Chinesische Dienste interessierten sich für Struktur, Bewaffnung und Ausbildung der Bundeswehr sowie für moderne Waffentechnik und militärisch nutzbare Hochtechnologie – ausdrücklich Quanten-, KI-, Bio- und Hyperschalltechnik. Wissen fließe nicht nur über klassische Agenten, sondern über Kooperationen, Zukäufe und Rekrutierung.
Belegte Vorfälle
Taurus-Mitschnitt, Februar/März 2024. Vier Luftwaffenoffiziere, darunter der damalige Inspekteur Ingo Gerhartz, besprachen per Webex mögliche Taurus-Lieferungen an die Ukraine. Ein 38-minütiger Mitschnitt erschien Anfang März 2024 in russischen Staatsmedien. Das Verteidigungsministerium führte das auf einen Anwendungsfehler zurück: Ein Teilnehmer hatte sich über eine unsichere Verbindung eingewählt. Der Generalbundesanwalt ermittelte wegen des Verdachts geheimdienstlicher Agententätigkeit. Der MAD führt den Fall im Bericht 2024 als Beleg für die aktuelle Bedrohung.
Private Mobiltelefone, Februar/April 2026. Nach Spiegel-Informationen verteilte das Verteidigungsministerium Mitte Februar 2026 eine Sicherheitsanweisung: Private Handys, Tablets und Smartwatches dürfen nicht in Besprechungen mit Verschlusssachen und nicht in Amtsstuben mit solchen Dokumenten. Begründung: Die Bundeswehr sei „priorisiertes Aufklärungsziel insbesondere russischer Spionageaktivitäten“; China verfolge einen „strategischen und langfristigen Ansatz“. Geräte seien über Apps und Phishing leicht mit Abhörsoftware zu infizieren.
Drohnen über Liegenschaften. Correctiv dokumentierte für 2024 mindestens 24 Ermittlungsverfahren wegen möglicher Spionage aus der Luft, mit Schwerpunkt Brandenburg. Sicherheitsbehörden berichten seit Kriegsbeginn in der Ukraine gehäuft über Sichtungen über Bundeswehrstandorten und Industrieanlagen.
Chinesische Trainingsdrohnen. Correctiv berichtete im August 2026, die Bundeswehr habe trotz interner Verbote und bekannter Abflussrisiken DJI-Systeme beschafft und genutzt. Die Bundesregierung hatte 2024 eingeräumt, einen Datenabfluss nach China nicht ausschließen zu können. Interne Analysen nannten unter anderem SIM-Karten und Mobilfunk als mögliche Übertragungswege.
IT-Nachlässigkeit. Die „Zeit“ beschrieb 2025 offene Verzeichnisse und geleakte Passwörter beim Bundeswehrsender Radio Andernach, darunter Zugänge zu einem als sicher geltenden Kommunikationssystem. Das Kommando Cyber- und Informationsraum nannte die Bedrohung durch fremde Dienste „unverändert hoch“ und nannte Interesse an Truppenbewegungen, Personendaten und Operationen.
Verteidigungswirtschaft. Das BfV warnte 2026 Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie vor russischer Ausspähung und Sabotage. Die Bundesanwaltschaft ließ 2026 Personen festnehmen; einem Beschuldigten wird vorgeworfen, einem russischen Dienst Informationen über deutsche Ukraine-Hilfe und über Drohnen- und Robotikfirmen geliefert zu haben. Partnerländer ordnen parallele Messenger-Kampagnen Russland zu.
Die Truppe nutzt selbst KI – und wird dadurch zur Zielscheibe
Die Bundeswehr will KI nicht nur abwehren, sondern einsetzen. Heeresinspekteur Christian Freuding sagte im März 2026, das Heer wolle Entscheidungszyklen mit einem Nato-System beschleunigen und dabei auch Daten aus dem Ukraine-Krieg nutzen. Die letzte Entscheidung bleibe beim Menschen.
Im September 2026 erklärte Vizeadmiral Daum dem Handelsblatt, rund 30 KI-Werkzeuge würden geprüft; ein Prototyp sei für das zweite Quartal 2027 geplant, die Einführung für 2028. Palantir-Systeme seien vorerst ausgeschlossen. Die meisten Anbieter seien deutsch, dazu komme unter anderem das französische Unternehmen ChapsVision. Je stärker Lagebilder, Logistik und Waffensoftware von Trainingsdaten und Cloud-Anbindung abhängen, desto wertvoller werden genau diese Daten für gegnerische Dienste.
Abwehr und offene Lücken
Gegenmaßnahmen sind dokumentiert: Rekordzahl von Sicherheitsüberprüfungen beim MAD (nahezu 68.000 im Berichtsjahr 2024), Handyverbote in sensiblen Bereichen, Sensibilisierung der Truppe, gemeinsame Cyberwarnungen von BND, BfV und BSI zu chinesischen Verschleierungsnetzwerken aus kompromittierten Routern und IoT-Geräten sowie Gesetzentwürfe für erweiterte nachrichtendienstliche Cyberbefugnisse und geregelte KI-Auswertung.
Zugleich bleibt die Schwachstelle menschlich und organisatorisch: unsichere Einwahl, private Geräte, kommerzielle Drohnen, geleakte Zugänge, Messenger-Konten von Führungskräften. Der MAD formuliert den Kernsatz der Abwehr so: Der beste Schutz sei, die Bedrohung ernst zu nehmen, auf Anzeichen zu achten und Behörden früh zu informieren.
Einordnung
Die neue Qualität liegt nicht in einem einzelnen „KI-Spion“, sondern in der Kombination: klassische Agentenarbeit, Cyberspionage, Drohnenaufklärung, kompromittierte Endgeräte und maschinelle Auswertung. Russland sucht nach MAD-Einschätzung den taktischen Vorteil im laufenden Krieg. China sammelt laut Verfassungsschutz langfristig Struktur- und Technologiewissen, einschließlich künstlicher Intelligenz. Iran ergänzt das Bild um Cyberspionage gegen Soldaten und Anlagen.
Solange Führungskräfte über kommerzielle Messenger sprechen, Waffensysteme von Softwareketten abhängen und Trainingsdaten militärischen Wert haben, bleibt die Bundeswehr ein priorisiertes Ziel – unabhängig davon, ob der Angriff von einem Menschen, einem Bot oder einem Modell formuliert wurde.
